Du öffnest Claude, und dein Nutzungslimit für diesen Monat ist leer. Komplett. Dabei warst du seit Tagen nicht eingeloggt. Kein Bug, keine falsche Abrechnung – wahrscheinlich hattest du digitalen Besuch.
Genau das ist gerade mehreren Claude-Nutzern passiert. Anthropic hat deshalb eine Warnung veröffentlicht: Infostealer-Malware klaut aktive Login-Sitzungen und nutzt sie, um auf fremde Kosten zu chatten.
Wie der Angriff funktioniert
Infostealer sind kein neues Phänomen. Sie laufen lokal auf infizierten Rechnern und saugen alles ab, was der Browser gespeichert hat – Passwörter, Cookies, Sitzungs-Tokens. Genau Letzteres ist hier das Problem. Ein Sitzungs-Token sagt dem Server im Grunde: "Diese Person hat sich bereits eingeloggt, keine weitere Prüfung nötig." Wer so ein Token klaut, braucht weder dein Passwort noch deinen zweiten Faktor (2FA) – er steigt einfach mittendrin ein, als wärst du das selbst.
Anthropic nennt namentlich fünf Schädlinge für Windows (Vidar, LummaC2, StealC, RedLine, Acreed) und einen für Mac (Atomic Stealer, kurz AMOS). Betroffen ist laut Anthropic nur eine kleine Zahl an Mac-Nutzern, auf Windows scheint die Kampagne breiter zu laufen.
Woran du es merkst
Das verräterischste Zeichen: Dein Nutzungskontingent füllt sich zum Monatsanfang wie gewohnt – und ist dann plötzlich wieder leer, obwohl du Claude gar nicht angerührt hast. Wer das bei sich beobachtet, sollte misstrauisch werden.
Was Anthropic macht
Anthropic meldet betroffene Konten aktiv ab, entfernt hinterlegte Zahlungsmethoden und erstattet Beträge, die als unautorisiert erkannt werden. Das Unternehmen betont dabei ausdrücklich: Die Malware hat nichts mit Claude selbst zu tun und wurde nicht über Claude installiert. Sie kommt ganz klassisch über zweifelhafte Downloads oder gefälschte Apps aufs System – und sammelt dort einfach alles ein, was sie findet. Claude-Zugänge sind nur eines von vielen Zielen.
Das ist wichtig für die Einordnung: Das ist kein Datenleck bei Anthropic, niemand hat Claude selbst gehackt. Wenn dein Rechner infiziert ist, sind vermutlich auch dein Mail-Konto, dein Online-Banking-Login und ein Dutzend anderer Dienste mit aktiver Browser-Sitzung mitbetroffen. Claude ist hier eines von vielen möglichen Opfern – nicht die Ursache.
Was du konkret tun kannst
Drei Schritte, in der richtigen Reihenfolge:
- Erst den Rechner säubern. Ein aktueller Virenscan muss zuerst laufen (Windows Defender reicht als Einstieg, ein zweiter Scanner wie Malwarebytes schadet nicht). Passwörter zu ändern, bevor die Malware weg ist, bringt nichts – der nächste Login wird sofort wieder mitgeschnitten.
- Danach Passwörter ändern. Zuerst dein E-Mail-Konto, darüber lässt sich fast alles andere zurücksetzen. Dann Claude und alle anderen Dienste, bei denen du dich sorgst.
- Abrechnung prüfen. Ein Blick in die Nutzungshistorie bei Claude zeigt, ob im fraglichen Zeitraum Aktivität war, die nicht von dir stammt. Bei Unstimmigkeiten: Anthropics Support kontaktieren.
Und Linux?
Auffällig: In Anthropics Liste steht kein einziger Linux-Schädling. Fünfmal Windows, einmal Mac. Das ist kein Zufall — aber leider auch kein Verdienst von Linux.
Stealer werden heute als Dienstleistung vermietet, die Beute binnen ein bis zwei Tagen auf Handelsplätzen weiterverkauft. Bei einem Desktop-Marktanteil um die 5% rechnet sich die Portierung einfach nicht. Der Vorteil ist also echt — aber geliehen, und er hängt allein an der Zielgruppengröße.
Technisch machbar ist das nämlich problemlos, und es passiert auch. Der Fernzugriffs-Trojaner Chaos RAT lief zuletzt als getarntes "Netzwerk-Analyse-Tool" für Linux. Und im Juli 2025 landeten drei Pakete im Arch User Repository, der Community-Paketquelle von Arch Linux, die genau diesen Trojaner nachinstallierten — mit "fix" und "patched" im Namen, damit sie wie hilfreiche Korrekturen aussehen. Zwei Tage waren sie online, bis jemand es meldete.
Und der Punkt, der wirklich unangenehm ist: Die Schutzmechanismen gegen genau diesen Angriff sind Windows-first. Chromes zusätzliche Cookie-Verschlüsselung gibt es nur dort, die neuen gerätegebundenen Sitzungen kamen dort zuerst. Auf Linux liegt der Schlüssel im Schlüsselbund des Desktops — und wenn keiner läuft, in einer fest im Programm hinterlegten Passphrase. Wer als dein Benutzer Code ausführen kann, liest dein Browser-Profil und deine SSH-Schlüssel ohne weitere Hürde.
Der Angriffsweg ist auf Linux nur ein anderer. Keine gefälschte EXE-Datei, sondern ein Paket aus einer Community-Quelle, ein npm install mit einer kompromittierten Abhängigkeit, ein curl | bash aus einer Anleitung, die man nicht gelesen hat. Wer Linux nutzt, weil er die Kontrolle will, sollte sie an dieser Stelle auch ausüben: kurz schauen, was ein Skript eigentlich tut, bevor es als eigener Benutzer läuft.
Die Lehre daraus
Infostealer sind kein Claude-spezifisches Problem – sie treffen jeden Dienst, den du im Browser offen lässt. Was du hier lernst, gilt eins zu eins auch für ChatGPT, Gemini oder dein E-Mail-Postfach. Ein aktueller Virenscanner und die Gewohnheit, dich an fremden oder öffentlichen Rechnern wirklich auszuloggen – nicht nur das Tab zu schließen – schützen am Ende mehr als jedes einzelne Passwort-Update.
Ein Trost bleibt: Anthropic reagiert hier nicht mit Schweigen, sondern mit aktivem Gegensteuern – abmelden, Zahlungsdaten entfernen, erstatten. Das ersetzt keine eigene Vorsicht, zeigt aber, dass ein leergeräumtes Kontingent kein Weltuntergang ist, sondern ein lösbares Problem. Einmal den Rechner sauber halten, und die Sache ist erledigt.
